Die imaginären Blumen in der Kette und das Ende der DDR

Angeblich “sozialistische Bruderhilfe”, in Wahrheit Ausbeutung und Segregation – Vertragsarbeiter in der DDR / Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1984-0712-010 / Rainer Weisflog / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de

Über die Auswirkungen der „Wende“ und die Unsicherheit der Nachwendejahre wird bei der Erörterung des „inneren Stands der deutschen Einheit“ ja häufig geredet. Die Gutwilligen haben Mitleid, die Böswilligen sehen bloß „Jammer-Ossis“. Beide Ansichten erklären jedoch nichts. Die erste läuft zudem Gefahr, den Rechtsradikalismus und seine Gewalt nach 1990 zu relativieren („Er ist halt arbeitslos und ohne Perspektive geht er gerne mal auf Schwarze los. Man muss sich kümmern, man muss das akzeptieren, bei so viel Krise kann man schon einmal den Kopf verlieren.“ – Egotronic). Der zweiten erscheint es als Verrücktheit, dass sich die Ostdeutschen nicht permanent über die neue „Freiheit“ freuen – genauso verrückt wie das Nebeneinander von utopischem Beginn und dumpf-nationalistischem Ergebnis der Jahre ab 1989 (siehe auch Artikel “Der kurze Herbst der Utopie” auf Seite 2). Es erscheint mir daher hilfreicher, auf die „Wende“ der Wirtschaftsform zu schauen, also auf den Übergang von Staatssozialismus zu Kapitalismus. 

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Jugendkulturelle Umbrüche in Ost und West: Die Falken in den neuen Bundesländern nach 1989

Dreißig Jahre nach der politischen Wende in der DDR blickte das Archiv der Arbeiterjugendbewegung1 in seiner jährlichen Tagung im Januar 2019 auf das Jahr 1989 und den Aufbau sozialistischer Jugendorganisationen in den neuen Bundesländern zurück. Nicht nur das politische System hatte sich auf ostdeutschem, ja: osteuropäischem Boden verändert, alle Gesellschaftsbereiche waren mehr oder minder intensiv betroffen – nicht zuletzt jugendliche Lebenswelten. 

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  1. Es handelt sich hier um eine gekürzte Fassung eines Artikels zur Jahrestagung des Archivs derArbeiterjugendbewegung in Oer-Erkenschwick: Maria Daldrup/Sophie Reinlaßöder unter Mitarbeit von KatrinAugsten, Kalle Kusch, Jürgen Hitzges, Volker Honold, Eric Schley, Stephan Thiemann, Steffen Wiechmann:Jugendkulturelle Umbrüche in Ost und West. Einblicke in die Archivtagung 2019: „Der Aufbau sozialistischerJugendorganisationen in den neuen Bundesländern nach 1989“, Mitteilungen des Archivs derArbeiterjugendbewegung (2019) I, S. 13-29.

Ostdeutsch – was ist das eigentlich? Ein persönlicher Definitionsversuch

Trotz aller Beteuerungen, Verweise auf zeitliche Abstände und das Ende bestimmter Staaten bleibt eine Sache doch bestehen: Ich bin Ostdeutscher, Punkt. Es ist keine Eigenschaft, die man mir ansehen kann und durch mein antrainiertes Hochdeutsch kann man es mir auch nicht sofort anhören (zumindest, wenn ich mir Mühe gebe). Ich gehe auch nicht unbedingt damit hausieren (Freund*innen und Genoss*innen mögen das allerdings anders sehen). Es ist viel subtiler, es sind etwa Begriffe, die in der DDR verwendet wurden, wie Broiler, Plaste oder Sonnabend. Es sind die Geburtstagslieder, die ich zusätzlich kenne. Es sind die Geschichten, die ich von zuhause kenne und die mir DDR und Wende anders erklären, als es Geschichtsbücher können. Es ist das Gefühl, zu irgendwas dazuzugehören, das ich nicht so richtig erklären kann und das es so wahrscheinlich gar nicht gibt. Es ist die Erfahrung, dass viel über mich geredet wird und wenig mit mir.

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#baseballschlaegerjahre: Deutsche Kontinuitäten

Neunzehnhundertneunzig

Ende September 1990 war ich in der BRD gerade in die 11. Klasse gekommen und galt in meiner bildungsbürgerlichen Schule als das, was ein paar Jahre später nur noch „Zecke“ heißen sollte. Westdeutsch sozialisiert wurde mir vor der Wende oft empfohlen nach „drüben“ zu gehen. Das war die freundliche Variante. Die weniger Freundliche: in den Sack packen und über die Mauer werfen. Der Tag der deutschen Einheit stand erstmalig bevor. „Weltgeschichte“ wie mein Geschichtslehrer betonte. Die man feiern müsse. Ich war anderer Auffassung.

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Ein kurzer Herbst der Utopie: Die gescheiterte Revolution von 1989

Wahlkampf: Vereinigte Linke und Marxistische Partei Die Nelken. Ohne Unterstützung aus dem Westen. ///
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0311-013 / Weisflog, Rainer / CC-BY-SA 3.0

Der Medienrummel um den 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer fiel erwartungsgemäß überschwänglich aus. Eindrucksvolle Bilder von Deutschen, die sich voller Freudentränen in den Armen lagen, einprägsame Erinnerungen und natürlich allerlei Anekdoten aus Ost und West. Menscheln musste es, denn der Mauerfall und die Wiedervereinigung bilden bis heute den Dreh- und Angelpunkt der nationalen Erzählung des neuen deutschen Selbstbewusstseins. Die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR hat schließlich nicht nur bewiesen, dass der Sozialismus nicht funktioniert, sondern dass Ossis am Ende eben doch schon auch Deutsche sind.

Gerade diese neuen Deutschen bleiben aber die Problemkinder der Republik. Der Präsident appellierte, man möge nun endlich auch die Mauern des Hasses und der Entfremdung niederreißen, denn entfremdet hatte man sich in den letzten 30 Jahren. Der Aufstieg der „Alternative für Deutschland“ gerade im Osten, sowie diverse Umfragen, die den Ostdeutschen eine wachsende Distanz zu jenem Staat bescheinigen, dem sie damals doch freiwillig und voller Zuversicht beigetreten waren, machen die ostdeutsche Wiederdeutschwerdung zu einer eher zweifelhaften Erfolgsgeschichte.

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Dicht, dichter, Innenverdichtung – Gespenst der modernen Stadt?

Beispiel für Innenverdichtung /// Foto Tilman Büttner

Wohnungsmangel, Gentrifizierung oder Flächenverbrauch sind Schlagworte, welche in den letzten Jahren aus dem Sprachgebrauch einer kleineren Community der Siedlungsgeographie und Stadtentwicklung in öffentliche Diskussionen schwappten. Die gängige Antwort vieler Kommunen auf Fragen einer zukunftsfähigen Stadt lautet hierfür: Innen- bzw. Nachverdichtung. Diese Maßnahme beschreibt die Nachbebauung einer bestehenden Infrastruktur und Bausubstanz, sodass die Dichte des vorhandenen Wohnraums steigt.

Soweit so gut – bestehende Kapazitäten ausnutzen klingt zunächst sinnvoll. Warum sollte man neue Siedlungsflächen am Stadtrand erschließen, wenn zentrumsnah Hinterhöfe für einen neuen Wohnblock genutzt werden können? Wer möchte nicht in den angesagten Vierteln wohnen? Schlafplatz und Szenekneipe nah beieinander, da freut sich doch nicht nur der ökologische Fußabdruck über kurze Wege.

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“Aber zweimal im Leben wollen wir die Arbeit nicht!”

In Erfurt hat sich unter Beteiligung von Falken ein linkes Hausprojekt gegründet.Gemeinsam haben sie ein Haus gekauft und renoviert. Über Idee, Umsetzung und das Zusammenwohnen hat die AJ mit ihnen gesprochen. 

Wie kam es zum Hausprojekt? Wie hat sich die Gruppe zusammengefunden, die jetzt im Haus wohnt? Was war eure Motivation, das Hausprojekt umzusetzen?

Es gab einen Kern von 4 Leuten – wir hatten zu einem offenen Treffen für Interessierte eingeladen. Aus diesem Treffen ergab sich dann die jetzige Gruppe des Hausprojekts. In der Einladungsmail formulierten wir auch schon unsere Vorstellungen: Wir wollten mit Genoss*innen zusammenziehen, die linkspolitisch organisiert sind und dies auch bleiben wollen. Gleichzeitig wollten wir kein Hausprojekt, in dem die Konsumentscheidungen unserer Mitbewohner*in im Plenum zum Politikum erhoben werden (frei nach dem Motto – erst ändere ich meine Mitbewohner*innen, und dann die ganze Welt). 

Es gab mehrere Gründe für ein Hausprojekt: Wir fanden es schön, zusammen zu wohnen und in einem Haus mit Genoss*innen zu wohnen. Wir wollten uns dem Mietmarkt entziehen (kein Leben lang Miete zahlen und damit Andere reich machen). Wir wollten etwas mehr Sicherheit für die Zukunft (keine ständige Angst vor Mieterhöhungen). Großteils hatten wir kein Geld für eigenes Wohneigentum oder aber keine Lust, alleine für Eigentum verantwortlich zu sein.

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„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ – zur politischen Kritik des Moralismus

Slum in Glasgow um 1871 /// Bild: Thomas Annan

Soziale Kämpfe weltweit werden zumeist moralisch gerechtfertigt. Es wird gegen die ungerechte Ausbeutung von Menschen und Natur protestiert, gegen den Reichtum des Nordens, den dieser auf Kosten des Südens anhäuft, gegen Steuerflucht oder gegen steigende Mieten in deutschen Großstädten. Neben einer bei der Wohnungsfrage auch rechtlichen Argumentation wird dabei auf Anstand gepocht, werden Renditeansprüche als unverhältnismäßig zum erzeugten Leid abgewiesen und ganz allgemein die Ungerechtigkeit angeprangert. Gegen Empörungen von unmittelbar Betroffenen ist aus Sicht einer Linken, die für eine radikaldemokratische Veränderung der Gesellschaft eintritt, zunächst nichts einzuwenden, sofern sich diese Empörung in konkreten Kämpfen gegen das eigene Leid zeigt. Wohl aber sollte man sich gegen einen bloß moralisierenden Blick auf soziale Kämpfe, der sich nur auf die handelnden Individuen richtet, wenden. Nicht nur wird so die gesellschaftliche Dimension ausgeblendet, der Fokus auf die Einzelnen ist vielmehr selbst ein historisch spätes Produkt der bürgerlichen Gesellschaft.

Auch wenn im Folgenden die moralische Sichtweise kritisiert wird, bedeutet dies nicht, dass stattdessen einfach möglichst unmoralisch zu leben sei. Das Problem an der Moral, so soll gezeigt werden, ist nicht, dass sie den Blick auf die Geschädigten bestimmter Handlungen legt, sondern dass ihr Blick hierauf selbst verkürzt ist und damit wider Willen eine Ordnung befestigt, gegen die sie aufbegehren müsste.

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Beet vs. Beton – Wem gehört die Stadt?

Grüne Oase im Beton /// Foto: Schreberjugend

Die Stadt, Motor der Gesellschaften, Fabrik neuer Lebensentwürfe, sozialer Schmelztiegel und Ort der Gemeinschaft. Städte haben viel zu bieten, deswegen wollen immer mehr Menschen dort wohnen. Das bedeutet aber, dass der Platz in den Städten immer knapper wird. Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser und Geschäfte müssen neu gebaut werden. Weil das Angebot an Bauland begrenzt ist, steigen die Preise für das Bauen und damit auch für das Wohnen. Weil das Bauland so viel Wert ist, lohnt es sich, damit zu spekulieren. Das bedeutet, möglichst günstig Land zu kaufen und dann teurer weiter zu verkaufen. Aber wer soll eigentlich bestimmen, was wo gebaut wird, und zu welchem Preis? Über diese Frage streiten sich die Experten schon seit Ewigkeiten. Die einen sehen die Stadt wie ein Unternehmen, das Gewinne abwerfen soll. Sie wollen vor allem das bauen, was den höchsten Gewinn verspricht. Viele andere, vor allem die Bewohner*innen selbst, sehen ihre Stadt als Lebensraum, der ihnen soziale Erfahrungen und Kultur bietet, Infrastruktur wie Schwimmbäder, Schulen und Bibliotheken bereitstellt. Dort wollen sie mitgestalten und auch Natur erleben können, sei es im Park, im Kleingarten oder im Stadtwald. Gerade mit diesen Orten lassen sich aber nur schwierig Gewinne machen. Weil die gewinnorientierten Unternehmen sehr mächtig sind und sich häufig durchsetzen können, verschwinden in den Städten momentan immer mehr Rückzugsorte und Grünflächen oder es werden gleich ganze Kleingartenanlagen in Bauland umgewandelt. 

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Vegane Supermärkte denen, die drin wohnen

Linke Ideen als Teil eines Verdrängungsmechanismus

Neoklassizistisches Haus von 1920 neben einem Neubau von 2000 in Mexico-City /// Foto Francisco Peláez

Ich habe in den letzten Jahren viele verschiedene Wohnformen besucht, vom kleinbürgerlichen Mehrgenerationenprojekt über die linke Hippie-Studi-WG bis hin zum Punker*innen-Wohnprojekt, das im Winter seine Treppe verbrannt hat, weil sie vergessen hatten, Feuerholz zum Heizen zu besorgen. Ich habe mir angesehen, wie die lang erwartete Eröffnung des veganen Supermarkts in der Straße letztlich als Teil des Prozesses erkannt wurde, der Hand in Hand mit deftigen Mieterhöhungen im ganzen Viertel ging.

Dieser Prozess ist bekannt als Gentrifizierung, der Prozess der Aufwertung und Verdrängung. Das läuft dabei immer ähnlich ab: Studierende und Künstler*innen ziehen in einen billigen Stadtteil und machen das Beste draus, der Stadtteil wird hip-cool-sexy und immer attraktiver für Immobilienfonds. Die Wohnungen werden aufgekauft, renoviert und schließlich an zahlungskräftigere Mieter*innen vergeben. Deswegen steigt das allgemeine Preisniveau im Viertel und verdrängt auch die restlichen Geringverdiener*innen. 

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