Ein kurzer Herbst der Utopie: Die gescheiterte Revolution von 1989

Wahlkampf: Vereinigte Linke und Marxistische Partei Die Nelken. Ohne Unterstützung aus dem Westen. ///
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0311-013 / Weisflog, Rainer / CC-BY-SA 3.0

Der Medienrummel um den 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer fiel erwartungsgemäß überschwänglich aus. Eindrucksvolle Bilder von Deutschen, die sich voller Freudentränen in den Armen lagen, einprägsame Erinnerungen und natürlich allerlei Anekdoten aus Ost und West. Menscheln musste es, denn der Mauerfall und die Wiedervereinigung bilden bis heute den Dreh- und Angelpunkt der nationalen Erzählung des neuen deutschen Selbstbewusstseins. Die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR hat schließlich nicht nur bewiesen, dass der Sozialismus nicht funktioniert, sondern dass Ossis am Ende eben doch schon auch Deutsche sind.

Gerade diese neuen Deutschen bleiben aber die Problemkinder der Republik. Der Präsident appellierte, man möge nun endlich auch die Mauern des Hasses und der Entfremdung niederreißen, denn entfremdet hatte man sich in den letzten 30 Jahren. Der Aufstieg der „Alternative für Deutschland“ gerade im Osten, sowie diverse Umfragen, die den Ostdeutschen eine wachsende Distanz zu jenem Staat bescheinigen, dem sie damals doch freiwillig und voller Zuversicht beigetreten waren, machen die ostdeutsche Wiederdeutschwerdung zu einer eher zweifelhaften Erfolgsgeschichte.

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Dicht, dichter, Innenverdichtung – Gespenst der modernen Stadt?

Beispiel für Innenverdichtung /// Foto Tilman Büttner

Wohnungsmangel, Gentrifizierung oder Flächenverbrauch sind Schlagworte, welche in den letzten Jahren aus dem Sprachgebrauch einer kleineren Community der Siedlungsgeographie und Stadtentwicklung in öffentliche Diskussionen schwappten. Die gängige Antwort vieler Kommunen auf Fragen einer zukunftsfähigen Stadt lautet hierfür: Innen- bzw. Nachverdichtung. Diese Maßnahme beschreibt die Nachbebauung einer bestehenden Infrastruktur und Bausubstanz, sodass die Dichte des vorhandenen Wohnraums steigt.

Soweit so gut – bestehende Kapazitäten ausnutzen klingt zunächst sinnvoll. Warum sollte man neue Siedlungsflächen am Stadtrand erschließen, wenn zentrumsnah Hinterhöfe für einen neuen Wohnblock genutzt werden können? Wer möchte nicht in den angesagten Vierteln wohnen? Schlafplatz und Szenekneipe nah beieinander, da freut sich doch nicht nur der ökologische Fußabdruck über kurze Wege.

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“Aber zweimal im Leben wollen wir die Arbeit nicht!”

In Erfurt hat sich unter Beteiligung von Falken ein linkes Hausprojekt gegründet.Gemeinsam haben sie ein Haus gekauft und renoviert. Über Idee, Umsetzung und das Zusammenwohnen hat die AJ mit ihnen gesprochen. 

Wie kam es zum Hausprojekt? Wie hat sich die Gruppe zusammengefunden, die jetzt im Haus wohnt? Was war eure Motivation, das Hausprojekt umzusetzen?

Es gab einen Kern von 4 Leuten – wir hatten zu einem offenen Treffen für Interessierte eingeladen. Aus diesem Treffen ergab sich dann die jetzige Gruppe des Hausprojekts. In der Einladungsmail formulierten wir auch schon unsere Vorstellungen: Wir wollten mit Genoss*innen zusammenziehen, die linkspolitisch organisiert sind und dies auch bleiben wollen. Gleichzeitig wollten wir kein Hausprojekt, in dem die Konsumentscheidungen unserer Mitbewohner*in im Plenum zum Politikum erhoben werden (frei nach dem Motto – erst ändere ich meine Mitbewohner*innen, und dann die ganze Welt). 

Es gab mehrere Gründe für ein Hausprojekt: Wir fanden es schön, zusammen zu wohnen und in einem Haus mit Genoss*innen zu wohnen. Wir wollten uns dem Mietmarkt entziehen (kein Leben lang Miete zahlen und damit Andere reich machen). Wir wollten etwas mehr Sicherheit für die Zukunft (keine ständige Angst vor Mieterhöhungen). Großteils hatten wir kein Geld für eigenes Wohneigentum oder aber keine Lust, alleine für Eigentum verantwortlich zu sein.

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„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ – zur politischen Kritik des Moralismus

Slum in Glasgow um 1871 /// Bild: Thomas Annan

Soziale Kämpfe weltweit werden zumeist moralisch gerechtfertigt. Es wird gegen die ungerechte Ausbeutung von Menschen und Natur protestiert, gegen den Reichtum des Nordens, den dieser auf Kosten des Südens anhäuft, gegen Steuerflucht oder gegen steigende Mieten in deutschen Großstädten. Neben einer bei der Wohnungsfrage auch rechtlichen Argumentation wird dabei auf Anstand gepocht, werden Renditeansprüche als unverhältnismäßig zum erzeugten Leid abgewiesen und ganz allgemein die Ungerechtigkeit angeprangert. Gegen Empörungen von unmittelbar Betroffenen ist aus Sicht einer Linken, die für eine radikaldemokratische Veränderung der Gesellschaft eintritt, zunächst nichts einzuwenden, sofern sich diese Empörung in konkreten Kämpfen gegen das eigene Leid zeigt. Wohl aber sollte man sich gegen einen bloß moralisierenden Blick auf soziale Kämpfe, der sich nur auf die handelnden Individuen richtet, wenden. Nicht nur wird so die gesellschaftliche Dimension ausgeblendet, der Fokus auf die Einzelnen ist vielmehr selbst ein historisch spätes Produkt der bürgerlichen Gesellschaft.

Auch wenn im Folgenden die moralische Sichtweise kritisiert wird, bedeutet dies nicht, dass stattdessen einfach möglichst unmoralisch zu leben sei. Das Problem an der Moral, so soll gezeigt werden, ist nicht, dass sie den Blick auf die Geschädigten bestimmter Handlungen legt, sondern dass ihr Blick hierauf selbst verkürzt ist und damit wider Willen eine Ordnung befestigt, gegen die sie aufbegehren müsste.

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Beet vs. Beton – Wem gehört die Stadt?

Grüne Oase im Beton /// Foto: Schreberjugend

Die Stadt, Motor der Gesellschaften, Fabrik neuer Lebensentwürfe, sozialer Schmelztiegel und Ort der Gemeinschaft. Städte haben viel zu bieten, deswegen wollen immer mehr Menschen dort wohnen. Das bedeutet aber, dass der Platz in den Städten immer knapper wird. Wohnungen, Schulen, Krankenhäuser und Geschäfte müssen neu gebaut werden. Weil das Angebot an Bauland begrenzt ist, steigen die Preise für das Bauen und damit auch für das Wohnen. Weil das Bauland so viel Wert ist, lohnt es sich, damit zu spekulieren. Das bedeutet, möglichst günstig Land zu kaufen und dann teurer weiter zu verkaufen. Aber wer soll eigentlich bestimmen, was wo gebaut wird, und zu welchem Preis? Über diese Frage streiten sich die Experten schon seit Ewigkeiten. Die einen sehen die Stadt wie ein Unternehmen, das Gewinne abwerfen soll. Sie wollen vor allem das bauen, was den höchsten Gewinn verspricht. Viele andere, vor allem die Bewohner*innen selbst, sehen ihre Stadt als Lebensraum, der ihnen soziale Erfahrungen und Kultur bietet, Infrastruktur wie Schwimmbäder, Schulen und Bibliotheken bereitstellt. Dort wollen sie mitgestalten und auch Natur erleben können, sei es im Park, im Kleingarten oder im Stadtwald. Gerade mit diesen Orten lassen sich aber nur schwierig Gewinne machen. Weil die gewinnorientierten Unternehmen sehr mächtig sind und sich häufig durchsetzen können, verschwinden in den Städten momentan immer mehr Rückzugsorte und Grünflächen oder es werden gleich ganze Kleingartenanlagen in Bauland umgewandelt. 

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Vegane Supermärkte denen, die drin wohnen

Linke Ideen als Teil eines Verdrängungsmechanismus

Neoklassizistisches Haus von 1920 neben einem Neubau von 2000 in Mexico-City /// Foto Francisco Peláez

Ich habe in den letzten Jahren viele verschiedene Wohnformen besucht, vom kleinbürgerlichen Mehrgenerationenprojekt über die linke Hippie-Studi-WG bis hin zum Punker*innen-Wohnprojekt, das im Winter seine Treppe verbrannt hat, weil sie vergessen hatten, Feuerholz zum Heizen zu besorgen. Ich habe mir angesehen, wie die lang erwartete Eröffnung des veganen Supermarkts in der Straße letztlich als Teil des Prozesses erkannt wurde, der Hand in Hand mit deftigen Mieterhöhungen im ganzen Viertel ging.

Dieser Prozess ist bekannt als Gentrifizierung, der Prozess der Aufwertung und Verdrängung. Das läuft dabei immer ähnlich ab: Studierende und Künstler*innen ziehen in einen billigen Stadtteil und machen das Beste draus, der Stadtteil wird hip-cool-sexy und immer attraktiver für Immobilienfonds. Die Wohnungen werden aufgekauft, renoviert und schließlich an zahlungskräftigere Mieter*innen vergeben. Deswegen steigt das allgemeine Preisniveau im Viertel und verdrängt auch die restlichen Geringverdiener*innen. 

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Wohnraumfrage als soziale Frage

Wohnblock im Neubaugebiet Berlin-Marzahn 1987

Wir leben in einer Gesellschaft, die aus dem Menschenrecht auf Wohnraum eine Ware gemacht hat. Dies führt dazu, dass Wohnraumpolitik auf Seiten von Vermieter*innen der Logik kapitalistischer Verwertung und der Kapitalakkumulation unterliegt. Gerade urbaner Wohnraum ist gefragter denn je. Dies ist insofern nicht verwunderlich, als dass die moderne Stadt per se ein Produkt von Industrialisierung und Kapitalismus ist. Erst die Konzentration von Kapital und damit einhergehend wirtschaftlicher Macht in Ballungszentren machte Urbanisierung und Landflucht notwendig, denn fast nur noch in diesen Zentren war es Arbeiter*innen möglich, ihre Grundbedürfnisse zu stillen: „Zum Leben aber gehört vor Allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere.“1 Dass notwendige Grundbedürfnisse zur Ware erklärt werden, ist zwar nichts Neues, doch der Immobilienmarkt erlebt bundesweit eine so bisher nicht dagewesene Inflation. Während der urbane Wohnraum in der Zeit der Industrialisierung notwendiger Anziehungspunkt für Arbeiter*innen war, haben sich Städte unlängst zu Zentren des Dienstleistungs- und Informationssektors entwickelt. Hinzu kommt eine urbane Kreativ- und Kulturszene und die Ansiedlung neuer marktwirtschaftlicher Modelle, etwa Start-ups. Und somit werden Städte erneut Zentren für die Anhäufung von Kapital. Mit ähnlichen Folgen wie bereits vor zwei Jahrhunderten: grassierende Landflucht, urbane Überbevölkerung und Wohnraummangel. Anders als zu Beginn der Industrialisierung ist der Wohnraum jedoch nicht notwendige Voraussetzung für Kapitalakkumulation, sondern selber Objekt der Erwirtschaftung finanziellen Mehrwerts. Daher hat sich der Wohnungsmarkt zu einer vorzüglichen Einnahmequelle entwickelt, da Wohnraum nicht nur eine Ware, sondern auch ein Produktionsmittel darstellt.

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“Wir fordern die Vergesellschaftung von Wohnraum”

“Wir fordern die Vergesellschaftung von Wohnraum”

In Berlin hat sich die Initiative “Deutsche Wohnen und Co. enteignen” gegründet. Über ihre Ziele und Ideen haben wir für die aj mit ihnen gesprochen.

Warum und wie habt ihr angefangen, als Initiative aktiv zu werden?

Nachdem sich die bisherigen Maßnahmen der Politik wie die Mietpreisbremse als weitestgehend wirkungslos erwiesen haben, haben wir uns zusammengeschlossen und die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ gestartet. Wir, das sind Aktive des Mietenvolksentscheids Berlin 2015, der “Deutsche Wohnen”- oder “Akelius”-Mieter*innenvernetzung, Kotti & Co, der Interventionistischen Linken, Mitglieder verschiedener Parteien, verschiedene kleinere Initiativen und engagierte Einzelpersonen.

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Wohnst du noch oder lebst du schon? Eine Einführung in das Recht auf Stadt

Mietenwahnsinn-Demo Berlin am 14.04.2018 /// Foto: GloReiche Nachbarschaft flickr

Dass Leben und Wohnen miteinander zusammenhängen, weiß Ikea schon lange. Der Trend in Stadtentwicklung und Wohnungspolitik geht jedoch in eine andere Richtung. Mieten steigen, Wohnraum wird knapper, es wird in Luxuswohnungen und Prestigeobjekte investiert, aber nicht in Sozialwohnungen, Grünflächen müssen Einkaufszentren weichen.

Wer bisher dort wohnte und lebte, scheint in der neoliberalen Stadt aus dem Fokus geraten zu sein. Wenn unternehmerische Profitmaximierung zum Ideal wird, sich Städte selbst zu Unternehmen wandeln und Privatisierung als Lösung für alle Problem genutzt wird, stehen Ausgrenzung und Verdrängung auf der Tagesordnung. 

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„Ohne Organisationen wie uns hätte FfF nie so groß werden können“

Telefon-Interview mit Leander Dieckow, KV Köln

Wie ist es denn dazu gekommen, dass der KV Köln bei Fridays for Future in Köln von Anfang an dabei war?

In Köln war der erste Streik am 14.12.2018 [der deutschlandweit erste Streik war am 7.12.2018, Anm. d. Red.] und ich und ein anderer Genosse wurden in eine WhatsApp-Gruppe hinzugefügt. Wir waren dann beide beim ersten Streik. So hat es sich einfach ergeben, dass wir gesagt haben: „Vielleicht können wir auch so ein bisschen die Verbandsperspektive da reinbringen.“ Weil wir da schon Chancen gesehen und auch bei den ersten Streiks gemerkt haben, dass da schon viele grün-bürgerliche neureiche Kiddies mitgewirkt haben, und wir gucken wollten, dass wir denen ein bisschen Kapitalismuskritik beibringen. Und da haben wir dann angefangen, dass wir zusammen Moderationsworkshops gegeben haben, dass wir die in der Bottmühle [Räumlichkeiten des KV Köln] ihre Plena haben machen lassen oder dass wir Material geben. Zum Beispiel gab es ja in Köln jetzt diesen Dauerstreik für fünf Tage und da haben wir 90 % des Materials gestellt. 

Fridays for Future-Demo in Köln, Foto Falken Köln
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