Die Nazi-Mädels: Immer Liebe und viel Sekt

Bild: Sören Kohlhuber

Das mediale und gesellschaftliche Bild von Frauen als Täterinnen

Frauen als aktive Täterinnen rechten Terrors? Den meisten Leser*innen kommt – natürlich – Beate Zschäpe in den Sinn, weitere weibliche Täterinnen werden wenige benennen können, obwohl beispielsweise der Gründer der Wehrsportgruppe Hoffmann formulierte, er wolle Frauen „gleichberechtigt an den Wehrsport“ heranführen, und dies auch tat. Unschwer ist also festzustellen, dass die Rollen von Frauen wenig beachtet und beschrieben wird: Die Haupttäter im Feld des Rechten Terrors und Rechtsterrorismus sind männlich. ‚Lone-wolf‘-Taten von Frauen gibt es faktisch nicht, dennoch gibt es auch im Phänomenbereich Rechter Terror nach 1945 durchaus Frauen, deren Rolle meist wenig beleuchtet wurde.

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Braucht Gedenken Orte? Keine Gedenktafel, kein Denkmal und kein Stein können das Ziel sein, sondern nur der Weg dorthin.

Gedenkstätte Buchenwald, Glockenturm mit Denkmal von Fritz Cremer / Bild: Wikimedia Commons

Die Frage im Titel dieses Artikels, mit der inhaltlich auseinanderzusetzen ich gebeten wurde, rief in mir zunächst einige Verwirrung hervor. Ausschlaggebend dafür war der sonderbare Akteur, der darin benannt wird: das Gedenken. Braucht das Gedenken einen Ort?, lautete denn also die Frage. Gedenken an sich hat jedoch kein Bedürfnis, keinen Wunsch und stellt sich auch diese Frage nicht. Denn Fragen nach derartigen Notwendigkeiten stellen sich stets die Subjekte, die die Antworten darauf zur Grundlage ihres Handelns machen wollen. Nach einiger Überlegung habe ich mich dazu entschieden, genau diese Tatsache zum Ausgangspunkt meiner Ausführungen zu machen und im folgenden Artikel daran der Frage nachzugehen, wer eigentlich Orte des Gedenkens braucht und wozu? 

Funktionen von Gedenkorten

Gedenkorte initiieren zu wollen, kann verschiedene Gründe haben. Die zwei wichtigsten Motive, die sich hierfür benennen lassen, sind sicherlich einerseits die Schaffung eines Ortes für (individuelle) Trauer, beispielsweise um Verstorbene, andererseits jedoch die Generierung politischer Aufmerksamkeit für den Gegenstand des Gedenkens, gewissermaßen die Konstituierung eines Mahnmals. Beide Beweggründe müssen nicht zwangsläufig zusammenfallen: So ist eine Grabstätte auf einem Friedhof in vielen Kulturkreisen ein Ort des Gedenkens, beispielsweise für die Angehörigen und früheren Freunde der Toten. Geschaffen wird sie beispielsweise durch die Familie, die sich dort individuell oder gemeinsam an die verstorbene Person erinnert oder trauert. Eine politische Dimension des Gedenkens ist damit nicht automatisch verbunden. Diese entsteht, wird dem Ort eine über die individuelle Trauer hinausreichende Bedeutung zugemessen, z.B., weil jemand Opfer eines rassistisch motivierten Verbrechens wurde. Häufig ist die Politisierung des Gedenkens auch mit einer Erweiterung der Gruppe der Akteure, die die Initiierung eines Gedenkortes forcieren, verbunden sowie mit einer Veränderung der Anforderungen, die daran gestellt werden. Nicht allein die Familie, sondern auch politische Organisationen oder fremde Einzelpersonen wirken häufig daran mit. Die Ebene des privaten Gedenkens an einen Freund oder ein Familienmitglied wird damit verlassen. Politisches Gedenken stellt ein Ereignis oder eine Tat in den Mittelpunkt und erinnert an Menschen vor dem Hintergrund dieser Tat. Deshalb ist es beispielsweise nicht notwendig, die Opfer eines rechten Terroranschlags persönlich gekannt zu haben, um ihnen zu gedenken. Politische Gedenkorte befinden sich darum auch häufig an Tatorten oder Orten des öffentlichen Interesses und weniger an Gräbern, wenngleich diese z.B. mit Blick auf KZ-Gedenkstätten diese Orte nicht immer voneinander zu differenzieren sind. Doch selbst dort finden sich häufig noch unterschiedliche Gedenkorte für individuelles und politisches Gedenken. Denn auch wenn Angehörige der dort Ermordeten am politischen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus partizipieren, sind die Orte für sie eben noch etwas anderes: Orte der Trauer, die gewissermaßen das individuelle Grab ersetzen müssen, das die Nazis ihren Müttern, Vätern, Freund*innen und Genoss*innen verweigerten. Familien installieren deshalb Tafeln mit eingravierten Namen, die bisweilen stark an Grabsteine oder Grabmale auf „gewöhnlichen“ Friedhöfen erinnern. Zeremonien zu Gedenktagen, beispielsweise dem Befreiungstag oder dem internationalen Holocaust-Gedenktag finden dort jedoch nicht statt. Für das politische Gedenken sind andere Orte und Gedenkzeichen präferiert, die die gesellschaftliche Dimension des Geschehenen in den Mittelpunkt rücken. Auch wenn der Begriff des „Mahnmals“ heute häufig der verstaubten Mottenkiste des DDR-Antifaschismus zugerechnet wird, so teilen auch moderne Denkmäler diesen Impetus – wenngleich in weniger autoritärem Duktus. Auch sie sollen die Vergangenheit mit Blick auf die Zukunft deuten und sind sich nicht selbst Zweck. Sie thematisieren Rassismus und Antisemitismus mit dem Ziel, ihn in seinen mörderischen Auswirkungen sichtbar zu halten, zu skandalisieren und zu politischem Handeln dagegen in der Gegenwart aufzufordern. 

Selbst einen Gedenkort schaffen – Wozu? 

Derzeit gibt es öffentliche Debatten um die Errichtung von Gedenkorten zur Erinnerung an die Opfer rechten Terrors in der Gegenwart. So hat zum Beispiel die „Initiative 19. Februar“ einen Gedenkort für die Opfer des Anschlags von Hanau eingerichtet, bei dem 2020 zehn Menschen aus rassistischen Gründen ermordet wurden.  Die Synagogentür, die im Oktober 2019 dem Angriff eines rechtsextremen Attentäters standhielt und ein Blutbad an der jüdischen Gemeinde verhinderte, wurde kürzlich als Mahnmal neben der Synagoge installiert.

Einen Ort des Gedenkens für die Opfer rechten Terrors zu schaffen oder sich an den Debatten darum zu beteiligen, kann ein wichtiger politischer Akt auch für uns als sozialistischer Kinder- und Jugendverband sein. Doch nicht die Tatsache, dass irgendwann irgendwo eine Tafel, ein Stein oder etwas anderes installiert wird, ist dabei entscheidend. Ritualisierte Gedenkpraxen unhinterfragt zu reproduzieren, hilft sicherlich niemandem weiter. Dem Gedenkort voraus gehen muss eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenstand des Gedenkens. Sich mit den Ursachen rechten Terrors zu beschäftigen, kann beispielsweise eine Reaktion auf die spontane Fassungslosigkeit sein, die wir erleben, wenn wieder einmal Menschen Opfer rechter Gewalt geworden sind. Auch die Fragen, wie so ein Ort auszusehen habe, an wen er sich richtet oder wo er sich befinden solle, wären politisch zu diskutieren. Der Blick in die Vergangenheit hätte dann auch konkrete Konsequenzen für die Zukunft, für die eigene politische Praxis. Hürden und Widerstände, auf die die Initiator*innen von Gedenkorten im Laufe des Prozesses stoßen oder eben auch nicht, lassen uns darüber hinaus etwas über die Gesellschaft begreifen, in der wir leben und damit eben auch über die Gesellschaft, die die Rassist*innen, Antisemit*innen und Frauen*feinde hervorbringt, an deren mörderische Taten wir erinnern wollen. Jeder einzelne rechte Übergriff, antisemitische Anschlag und jedes rassistische Gewaltverbrechen ist auch ein Beweis des Scheiterns dieser Gesellschaft an ihrem Glücksversprechen auf ein Leben in Freiheit und Gleichheit für alle. Das beharrlich zu kritisieren und auch öffentlich sichtbar zu machen, dafür bräuchten wir Orte des Gedenkens.

Annika Neubert, LV Thüringen

Zwischen Gedenken und Spektakel: Die Opfer des Utøya-Anschlags gehen bei Falken viral

Am 22. Juli postete der Bundesverband auf Facebook ein Video anlässlich des 9. Jahrestags des Anschlags von Utøya und Oslo. Dass darin die eigenen Gefühle und die Namen der Opfer die zentrale Rolle spielen, erscheint mir jedoch aus mehreren Gründen kritikwürdig. Im Video lesen viele verschiedene Genoss*innen jeweils einen Namen sowie das Alter der 77 Getöteten vor, ergänzt um eine politische Erklärung zu Beginn und am Ende des Videos. Im ersten Teil dieser Erklärungen heißt es unter anderem, dass wir unserer Trauer und unserer Wut Raum geben wollen, dass wir keine*n der Ermordeten vergessen und in ihrem Andenken unseren Kampf für eine befreite Gesellschaft fortsetzen. Am Ende geht es unter anderem darum, dass wir in Gedanken bei ihren Freund*innen, bei ihren Angehörigen und bei den Überlebenden sind und dass wir uns noch immer die Zeit nehmen müssen, das Geschehene zu verarbeiten.

Schon grundsätzlich bin ich etwas skeptisch, was die Echtheit der bekundeten Trauer angeht. Zunächst lassen mich die objektiven Umstände daran zweifeln. Denn erfahrungsgemäß verfolgt politische Interessen, wer im politischen Kontext öffentlich und gerade nicht nur im Familien- und Freundeskreis Gefühle äußert. Auch wenn Trauer natürlich auch zu konkreten Anlässen auftauchen kann, finde ich es doch auffällig, dass diese jedes Jahr pünktlich zum Jahrestag des Anschlags bekundet wird, während das restliche Jahr über nicht die Rede davon ist. Abgesehen von 2015 reichte sie auch stets nur für ein paar Zeilen auf Facebook. Dass dieses Jahr ein aufwändiges Video produziert wurde, liegt wohl nicht daran, dass jetzt die Trauer größer ist als früher, sondern eher daran, dass nächstes Jahr Gedenkveranstaltungen zum Thema Utøya stattfinden sollen, für die Werbung gemacht werden soll.

Darüber hinaus fühle ich mich auch subjektiv nicht in erster Linie traurig, weil ich die ermordeten jungen Menschen persönlich gar nicht kenne. Ich habe Mitleid mit den Familien und Freund*innen der Getöteten, wenn ich mich, soweit es geht, in sie hineinversetze und versuche, mir vorstellen, wie schlecht es ihnen gegangen sein muss und vielleicht immer noch geht. Ich bin wütend, wenn ich mich mit dem Täter beschäftige und seine menschenverachtenden Aussagen höre. Und ich bin betroffen, wenn ich mir vorstelle, dass es mich oder meine Freund*innen und Bekannten von den Falken, den Jusos oder andere Linke treffen könnte. Mein Punkt ist: es fällt mir schwer, mir vorzustellen, um die Getöteten als Individuen zu trauern. Genau das ist jedoch der Ansatz des Videos.

Allerdings hat es mich traurig gemacht, mir die emotional vorgetragenen Namen sowie das Alter der Ermordeten anzuhören. Ich würde sagen, das liegt daran, dass das Video genau darauf angelegt ist: Trauer und Emotionalität hervorzurufen, obwohl es vorgeblich der vorher schon vorhandenen Trauer bloß Ausdruck verleihen soll. Auch deswegen denke ich, dass das Video in erster Linie ein Werbevideo für die Utøya-Fahrt und im weiteren Sinne für die politischen Ansichten der Falken ist. Genau wie in jeder anderen Werbung werden Emotionen erzeugt und diese dann mit dem eigenen Produkt verknüpft. Das zeigt sich meiner Meinung nach auch daran, dass man nur wenige Worte im Video austauschen müsste, um die Namen der Ermordeten nicht mit der Politik der Falken und der Utøya-Fahrt zu verknüpfen, sondern beispielsweise mit der Forderung nach schärferen respektive lockereren Waffengesetzen oder nach mehr Polizei und stärkerer Überwachung der Bürger*innen. Oder noch abgeschmackter: es würde genauso gut funktionieren, mit den Namen der Getöteten Werbung für Waffenhersteller zu machen, weil sich die Jugendlichen mit ihren Produkten ja hätten verteidigen können. Denn das Video tut nur so, als würde aus dem Tod der jungen Menschen unmittelbar die Legitimation für Sozialismus und Linksradikalismus folgen. In Wahrheit folgt aus Namen, Alter und Anzahl der Ermordeten an sich aber natürlich keine einzige politische Maxime. Unsere Überzeugung, dass die kapitalistische Gesellschaft Rechtsradikalismus und die aus ihm folgenden Mordtaten immer wieder hervorbringen wird, ergibt sich nicht unmittelbar aus dem Mord, sondern aus der rationalen Reflexion der Tat und dem Nachdenken über die Gesellschaft, in der dieser Mord geschah. Eine solche Reflexion kann ein Ansatz, der die Opfer als Individuen in den Mittelpunkt rückt nicht nur nicht, sondern bewirkt sogar eher das Gegenteil, indem es vor allem Emotionen hervorruft. Daher kommt das Video radikal daher, ist es in meinen Augen aber in Wahrheit nicht – was sich daran zeigt, dass sogar der Bundespräsident zum Anschlag in Hanau einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgen kann, um für genau die Demokratie Werbung zu machen, die den rechten Terror hervorbringt.

Und sogar noch mehr: dieser Unmittelbarkeitsgedanke führt dazu, dass die getöteten jungen Menschen mit ihrem Namen, also als Individuen, für die eigene Politik eingespannt werden. Verfolgen Nazis die Strategie, die Namen von Opfern für ihre Politik zu gebrauchen, wird das von Links sehr deutlich verurteilt und die angebliche Trauer der Nazis klar als politische Propaganda benannt. Beispielhaft dafür ist der Fall des im August 2018 in Chemnitz getöteten Daniel H., nach dessen Tod es zu den vieldiskutierten Hetzjagden kam. Die Nazis erklärten ihn zum aufrechten Deutschen, der Frauen gegen Geflüchtete verteidigt und stellten Kerzen, Grablichter, Trauerkarten und Blumen an den Tatort, während Linke und Bürgerliche darauf hinweisen, dass Daniel H. “gegen Hass” und “gegen jeden Fanatismus” war und die Trauer von rechts in Wahrheit Instrumentalisierung. Natürlich ist das bei den Opfern des Anschlags von Utøya damit nicht gleichzusetzen. Schließlich ist die AUF, der Jugendverband der norwegischen Sozialdemokraten, deren Camp angegriffen wurde, ja eine linke Organisation und die Getöteten waren linke Jugendliche und junge Erwachsene. Aber Linke sind ja auch kein homogener Block und ich würde mit meinem Namen nicht gerne in einem Facebook-Post wie dem des Bundespräsidenten vorkommen. 

Jetzt könnte man einwenden, dass zu Beginn des Videos ja heißt, dass die Namen nicht etwa genannt werden, um Emotionen zu erzeugen, sondern weil „die Mitte der Gesellschaft“ von Terroranschlägen wie dem von Utøya „nichts wissen will“ und die Opfer vergisst, weswegen wir ihre Namen nennen müssen, um gegen das Vergessen anzukämpfen. Abgesehen von der Floskel „kämpfen“, die jedem politischen Ziel sofort den Anstrich von Radikalität geben soll, beruht die Aussage allein auf dem typisch linksradikalen rhetorischen Trick, „der Mitte“ alles Mögliche anzulasten, weil dann jede andere Handlung ohne jede Begründung oder Nutzen allein durch ihren (angeblichen) Gegensatz zur Mitte schon widerständig und damit gut ist. Aber ist es nicht eher so, dass es der bürgerlichen Politik und ihrer Art mit Anschlägen wie dem von Utøya umzugehen, sogar ganz gelegen kommen könnte, die Namen in den Mittelpunkt zu stellen, eben weil diese an sich überhaupt keine politische Maxime legitimieren?

Jan Schneider, LV Thüringen

AG Gedenken

Im Rahmen des Projektes „Lernen und Gedenken an den Rechten Terror“ werden momentan durch eine AG des Bundesvorstands verschiedene Methoden, Texte und Formate erarbeitet, die der Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex dienen sollen. Dazu gehört auch das Video, das Jan in seinen Artikel kritisch bespricht. Ihr findet es auf unserem YouTube-Kanal. In der folgenden Ausgabe wird Steffen auf Jans Kritik antworten.

Hintergrund

Bundespräsident Steinmeier hat rund sieben Monate nach dem Anschlag in Hanau, Angehörige der Opfer in Schloss Bellevue empfangen. Er sagte: „Wir erinnern uns an neun Menschen, neun junge Leben. Sie alle hatten eines gemeinsam: Sie verstanden sich als Hanauer – ganz egal, woher sie oder ihre Familien einmal gekommen waren, woran sie glaubten, woran sie Freude hatten.“ Der Bundespräsident betonte: „Wer Menschen aufgrund irgendwelcher Merkmale in Gruppen zwingt und abwertet; wer sie auf ihre Herkunft, ihren Glauben, ihr Geschlecht oder ihre Lebensanschauung reduziert; wer ihnen ihre Einzigartigkeit nimmt, der stellt sich gegen das Lebensprinzip unserer Demokratie. Die Würde des Menschen, jedes einzelnen Menschen, ist unantastbar. Sie steht unter dem Schutz unseres Grundgesetzes.“

Was motiviert rechte Täter*innen? Ein Überblick über die Grundlagen des rechten Terrorismus

Christchurch. Halle. Utøya. Dies sind Ortsnamen, die wie viele weitere für uns heute mit rechten Morden verbunden sind. In ihrer konkreten Unterschiedlichkeit sind diese Taten durch die ihnen zugrundeliegenden Ideologien miteinander verbunden. Die Täter der oben genannten Ereignisse kommunizierten ihre Motivation vor, während und nach den Taten sowohl in einschlägigen Online-Foren, in Schriftform und den anschließenden Gerichtsprozessen und ganz offensichtlich durch die Wahl ihrer Opfer. Der Attentäter von Christchurch ermordete gezielt die Besucher*innen von zwei Moscheen, der Mörder in Halle versuchte zunächst eine Synagoge zu stürmen und auf Utøya wurde bewusst ein Zeltlager der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokratie angegriffen, die für Zuwanderung und die Emanzipation von Frauen und queeren Menschen verantwortlich gemacht wurden.

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Die Jungs mit der Maus: Zum strukturellen Ausschluss von Frauen aus dem eSport

Bild: Wikimedia Commons

Wer sich eSport als kleines Nischenphänomen vorstellt, liegt falsch: Die Branche soll laut Prognosen im Jahr 2023 144 Mio. Euro umsetzen. Doch auch kleinere, von Events unabhängige eSport-Streams auf der Plattform sind ein wirtschaftlich relevantes Phänomen. Frauen haben in dieser Sparte einen besonders schwierigen Stand. Das Internet bringt in seinen männlich dominierten Ecken sehr hässliche, aber wirkmächtige Mechanismen hervor, mit denen Frauen umgehen müssen. Aber erst einmal ein paar Schritte zurück. Wo behauptet wird, die Hälfte der Spieler*innen seien weiblich1, wird unterschlagen, dass diese Zahl nur dann zutrifft, wenn zwischen Counter-Strike und Candy-Crush keinerlei Unterschied gemacht wird. Eine vom Genre unabhängige Erhebung ist absurd, spielt eben jenes doch eine zentrale Rolle für den Frauenanteil: Konzentrieren wir uns beispielsweise auf MOBA2-Spiele wie Defense of the Ancients, die für den eSport besonders relevant sind, liegt der Frauenanteil gerade einmal bei 10%.

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  1. Die 50/50-Statistik wird gerade in der pädagogischen Literatur oft bemüht, wenn es um die Einbindung von Gaming in Bildungsprozesse geht
  2. Multiplayer Online Battle Arena ist eine Spielekategorie, in der mindestens zwei Teams in einer begrenzten Arena in Echtzeit gegeneinander antreten

Sport Frei! Eine kleine Geschichte der Arbeiter*innensportbewegung

Werbefahrt von Berliner Arbeitersportler*innen der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit / Das Bild stammt aus der Fotosammlungvon Helmut Weiß, Berlin-Köpenick

Linke und Sport, das war stets eine schwierige Liebesbeziehung. Einerseits waren die Tugenden des Sports, wie sie sich historisch in der deutschen Turner*innenbewegung manifestierten, den Idealen eines mal mehr und häufig weniger fortschrittlichen Bürgertums verpflichtet. Andererseits wollten auch Arbeiter*innen Sport treiben ohne sich dabei von den bürgerlichen Turnvereinen abhängig zu machen. Zu diesen hatten sie aufgrund hoher Mitgliedsbeiträge und der teuren Ausrüstung in aller Regel ohnehin keinen Zutritt. Das schwierige Verhältnis zu den bürgerlichen Vereinen wurde ab 1878 zusätzlich durch die politische Stimmung innerhalb der Turnbewegung verschlechtert, die im Zuge der Sozialistengesetze deutlich nach rechts rückte und viele sozialdemokratische Turner*innen ausschloss. Der Klassendünkel der bürgerlichen Vereine ging so weit, dass Arbeiter*innen teilweise explizit von einer Mitgliedschaft ausgeschlossen waren.

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Werner Seelenbinder: Der Rote Ringer

Im Mai 2017 fand in Erfurt unsere Bundeskonferenz statt. Tagungsort war die „Alte Parteischule“ in der Werner-Seelenbinder-Straße. Straßen mit diesem Namen gab es viele in der DDR – richtigerweise, aber aus den falschen Gründen. 

Sohn seiner Klasse

1904 in Stettin geboren, zieht Seelenbinder fünf Jahre später mit seiner Familie nach Berlin-Friedrichshain. Dort besucht er die Volksschule, arbeitet als Transportarbeiter und beginnt im Arbeiter*innensportverein „Eiche“ mit dem Kraftsport. Als 1915 seine Mutter verstirbt und sein Vater fast zeitgleich zum ersten Weltkrieg eingezogen wird, fängt Seelenbinder beim SC Berolina in Neukölln mit dem Ringen an.

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Warum Tore zählen: Ein Plädoyer für Sportspiele im Zeltlager

Sport im Zeltlager ist ein Thema, das manche Konflikte bei Vorbereitungstreffen erzeugt. Er wird häufig misstrauisch beäugt und als Element von Selbstdarstellung und -optimierung kritisiert, die man so nicht während der eigenen Verbandsmaßnahmen erleben will. Nur, wenn das Workshop- und Neigungsgruppenangebot so gar nicht zünden will, wird als Notnagel auf eine Sporteinheit zurückgegriffen. Dem sind verschiedene Punkte entgegenzusetzen.

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…wenn es einfach normal wäre, als Frau Fußballfan zu sein: Interview mit dem Netzwerk F_in

Foto: Naz Gündoğdu

F_in hat sich 2004 gegründet, um Frauen im Fußball zu vernetzen, sichtbar zu machen und ihre Interessen sowie Positionen in Stellungnahmen oder Gremien nach außen zu vertreten. Mit einer der Aktiven, Antje Grabenhorst, die sich seit sieben Jahren im Netzwerk engagiert, haben wir ein Interview geführt.

Vielen Dank für deine Bereitschaft, dieses Interview mit der AJ zu führen. Was ist deine Aufgabe bei F_in und was macht ihr?

Ich habe bei F_in keine spezielle Funktion. Also klar, ich bin sehr aktiv und stoße einige Projekte an, bei denen F_in mitwirkt oder vertreten ist. Seit einigen Jahren bin ich selbständig und arbeite im Bereich Fußball, Antisexismus und Vielfalt. Hauptsächlich koordiniere ich die Fan.Tastic Females Wanderausstellung und gebe Vorträge sowie Workshops. Ich bin seitdem ich ein kleines Mädchen bin Fan von Werder Bremen und habe selbst 8 Jahre lang Fußball gespielt.

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„Lernen und Gedenken“: Rechtem Terror entgegentreten

Gewalt von Rechts setzt sich seit Ende des zweiten Weltkriegs kontinuierlich in Deutschland fort. Immer wieder kommt es zu Übergriffen, Gewalt und Terror von Rechts. Die rechte Gewalt in DDR und BRD, die #baseballschlägerjahre in den 90ern, die Morde und Anschläge des NSU, der Terrorangriff auf eine Synagoge und einen Dönerimbiss in Halle sowie auf unter anderem eine Shisha-Bar in Hanau sind dabei nur einige Beispiele. Rassismus und weitere Fragmente rechter Ideologien lassen sich nicht nur in der rechten Szene finden, sondern auch in breiten Teilen der Gesellschaft. Sie prägen damit gleichermaßen die Auseinandersetzung mit als auch die (Nicht-)Bearbeitung von rechter Gewalt und Terror: In gesellschaftlichen und politischen Diskursen wird der alltägliche rechte Terror nur selten auf seine Ursachen wie Rassismus und Sozialdarwinismus zurückgeführt – nachhaltige politische Handlungen und dauerhafte Thematisierung derartiger Ideologiefragmente (auch und besonders in staatlichen Institutionen) bleiben aus. Selbst wenn ein Ereignis in der Öffentlichkeit bekannt wird, sind die Taten und Opfer oft schnell wieder vergessen. So fällt es leicht, Kontinuitäten zu ignorieren. Wir wollen das nicht zulassen und dem Vergessen ein Lernen und Gedenken entgegensetzen.

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