Call for Papers – Ausgabe 1/2021

Das Thema „Corona“ treibt uns alle um, privat und verbandlich. Wir haben uns lange davor gedrückt, diesem Thema eine AJ-Ausgabe zu widmen, weil eh es fast nirgendwo mehr um etwas anderes geht. Doch jetzt wollen wir es doch mal wagen und auch dazu beitragen, uns im Verband darüber auszutauschen. Wie ihr in euren Gliederungen den jetzt schon zweiten Corona-Zeltlager-Sommer um? Wie funktioniert eure Falken-Arbeit vor Ort? Was wird für euch, aber auch gesamtgesellschaftlich von Corona bleiben? Welche Ideen und Lösungen hattet ihr, die ihr als Anregungen, Tipps und Tricks weitergeben wollt?

Kommt einfach auf uns zu – auch wenn ihr noch keinen fertigen Artikel habt oder zu einem anderen Thema schreiben wollt. Wir helfen bei Bedarf gerne beim Schreiben, interviewen euch oder finden andere Lösungen, wie eure Inhalte in die Zeitung kommen können. 

Schreibt einfach an unsere Redaktionsadresse: sascha.doering@sjd-die-falken.de und/oder sprecht uns an. Redaktionsschluss ist der 9. April 2021.

Die Nazi-Mädels: Immer Liebe und viel Sekt

Bild: Sören Kohlhuber

Das mediale und gesellschaftliche Bild von Frauen als Täterinnen

Frauen als aktive Täterinnen rechten Terrors? Den meisten Leser*innen kommt – natürlich – Beate Zschäpe in den Sinn, weitere weibliche Täterinnen werden wenige benennen können, obwohl beispielsweise der Gründer der Wehrsportgruppe Hoffmann formulierte, er wolle Frauen „gleichberechtigt an den Wehrsport“ heranführen, und dies auch tat. Unschwer ist also festzustellen, dass die Rollen von Frauen wenig beachtet und beschrieben wird: Die Haupttäter im Feld des Rechten Terrors und Rechtsterrorismus sind männlich. ‚Lone-wolf‘-Taten von Frauen gibt es faktisch nicht, dennoch gibt es auch im Phänomenbereich Rechter Terror nach 1945 durchaus Frauen, deren Rolle meist wenig beleuchtet wurde.

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Braucht Gedenken Orte? Keine Gedenktafel, kein Denkmal und kein Stein können das Ziel sein, sondern nur der Weg dorthin.

Gedenkstätte Buchenwald, Glockenturm mit Denkmal von Fritz Cremer / Bild: Wikimedia Commons

Die Frage im Titel dieses Artikels, mit der inhaltlich auseinanderzusetzen ich gebeten wurde, rief in mir zunächst einige Verwirrung hervor. Ausschlaggebend dafür war der sonderbare Akteur, der darin benannt wird: das Gedenken. Braucht das Gedenken einen Ort?, lautete denn also die Frage. Gedenken an sich hat jedoch kein Bedürfnis, keinen Wunsch und stellt sich auch diese Frage nicht. Denn Fragen nach derartigen Notwendigkeiten stellen sich stets die Subjekte, die die Antworten darauf zur Grundlage ihres Handelns machen wollen. Nach einiger Überlegung habe ich mich dazu entschieden, genau diese Tatsache zum Ausgangspunkt meiner Ausführungen zu machen und im folgenden Artikel daran der Frage nachzugehen, wer eigentlich Orte des Gedenkens braucht und wozu? 

Funktionen von Gedenkorten

Gedenkorte initiieren zu wollen, kann verschiedene Gründe haben. Die zwei wichtigsten Motive, die sich hierfür benennen lassen, sind sicherlich einerseits die Schaffung eines Ortes für (individuelle) Trauer, beispielsweise um Verstorbene, andererseits jedoch die Generierung politischer Aufmerksamkeit für den Gegenstand des Gedenkens, gewissermaßen die Konstituierung eines Mahnmals. Beide Beweggründe müssen nicht zwangsläufig zusammenfallen: So ist eine Grabstätte auf einem Friedhof in vielen Kulturkreisen ein Ort des Gedenkens, beispielsweise für die Angehörigen und früheren Freunde der Toten. Geschaffen wird sie beispielsweise durch die Familie, die sich dort individuell oder gemeinsam an die verstorbene Person erinnert oder trauert. Eine politische Dimension des Gedenkens ist damit nicht automatisch verbunden. Diese entsteht, wird dem Ort eine über die individuelle Trauer hinausreichende Bedeutung zugemessen, z.B., weil jemand Opfer eines rassistisch motivierten Verbrechens wurde. Häufig ist die Politisierung des Gedenkens auch mit einer Erweiterung der Gruppe der Akteure, die die Initiierung eines Gedenkortes forcieren, verbunden sowie mit einer Veränderung der Anforderungen, die daran gestellt werden. Nicht allein die Familie, sondern auch politische Organisationen oder fremde Einzelpersonen wirken häufig daran mit. Die Ebene des privaten Gedenkens an einen Freund oder ein Familienmitglied wird damit verlassen. Politisches Gedenken stellt ein Ereignis oder eine Tat in den Mittelpunkt und erinnert an Menschen vor dem Hintergrund dieser Tat. Deshalb ist es beispielsweise nicht notwendig, die Opfer eines rechten Terroranschlags persönlich gekannt zu haben, um ihnen zu gedenken. Politische Gedenkorte befinden sich darum auch häufig an Tatorten oder Orten des öffentlichen Interesses und weniger an Gräbern, wenngleich diese z.B. mit Blick auf KZ-Gedenkstätten diese Orte nicht immer voneinander zu differenzieren sind. Doch selbst dort finden sich häufig noch unterschiedliche Gedenkorte für individuelles und politisches Gedenken. Denn auch wenn Angehörige der dort Ermordeten am politischen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus partizipieren, sind die Orte für sie eben noch etwas anderes: Orte der Trauer, die gewissermaßen das individuelle Grab ersetzen müssen, das die Nazis ihren Müttern, Vätern, Freund*innen und Genoss*innen verweigerten. Familien installieren deshalb Tafeln mit eingravierten Namen, die bisweilen stark an Grabsteine oder Grabmale auf „gewöhnlichen“ Friedhöfen erinnern. Zeremonien zu Gedenktagen, beispielsweise dem Befreiungstag oder dem internationalen Holocaust-Gedenktag finden dort jedoch nicht statt. Für das politische Gedenken sind andere Orte und Gedenkzeichen präferiert, die die gesellschaftliche Dimension des Geschehenen in den Mittelpunkt rücken. Auch wenn der Begriff des „Mahnmals“ heute häufig der verstaubten Mottenkiste des DDR-Antifaschismus zugerechnet wird, so teilen auch moderne Denkmäler diesen Impetus – wenngleich in weniger autoritärem Duktus. Auch sie sollen die Vergangenheit mit Blick auf die Zukunft deuten und sind sich nicht selbst Zweck. Sie thematisieren Rassismus und Antisemitismus mit dem Ziel, ihn in seinen mörderischen Auswirkungen sichtbar zu halten, zu skandalisieren und zu politischem Handeln dagegen in der Gegenwart aufzufordern. 

Selbst einen Gedenkort schaffen – Wozu? 

Derzeit gibt es öffentliche Debatten um die Errichtung von Gedenkorten zur Erinnerung an die Opfer rechten Terrors in der Gegenwart. So hat zum Beispiel die „Initiative 19. Februar“ einen Gedenkort für die Opfer des Anschlags von Hanau eingerichtet, bei dem 2020 zehn Menschen aus rassistischen Gründen ermordet wurden.  Die Synagogentür, die im Oktober 2019 dem Angriff eines rechtsextremen Attentäters standhielt und ein Blutbad an der jüdischen Gemeinde verhinderte, wurde kürzlich als Mahnmal neben der Synagoge installiert.

Einen Ort des Gedenkens für die Opfer rechten Terrors zu schaffen oder sich an den Debatten darum zu beteiligen, kann ein wichtiger politischer Akt auch für uns als sozialistischer Kinder- und Jugendverband sein. Doch nicht die Tatsache, dass irgendwann irgendwo eine Tafel, ein Stein oder etwas anderes installiert wird, ist dabei entscheidend. Ritualisierte Gedenkpraxen unhinterfragt zu reproduzieren, hilft sicherlich niemandem weiter. Dem Gedenkort voraus gehen muss eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenstand des Gedenkens. Sich mit den Ursachen rechten Terrors zu beschäftigen, kann beispielsweise eine Reaktion auf die spontane Fassungslosigkeit sein, die wir erleben, wenn wieder einmal Menschen Opfer rechter Gewalt geworden sind. Auch die Fragen, wie so ein Ort auszusehen habe, an wen er sich richtet oder wo er sich befinden solle, wären politisch zu diskutieren. Der Blick in die Vergangenheit hätte dann auch konkrete Konsequenzen für die Zukunft, für die eigene politische Praxis. Hürden und Widerstände, auf die die Initiator*innen von Gedenkorten im Laufe des Prozesses stoßen oder eben auch nicht, lassen uns darüber hinaus etwas über die Gesellschaft begreifen, in der wir leben und damit eben auch über die Gesellschaft, die die Rassist*innen, Antisemit*innen und Frauen*feinde hervorbringt, an deren mörderische Taten wir erinnern wollen. Jeder einzelne rechte Übergriff, antisemitische Anschlag und jedes rassistische Gewaltverbrechen ist auch ein Beweis des Scheiterns dieser Gesellschaft an ihrem Glücksversprechen auf ein Leben in Freiheit und Gleichheit für alle. Das beharrlich zu kritisieren und auch öffentlich sichtbar zu machen, dafür bräuchten wir Orte des Gedenkens.

Annika Neubert, LV Thüringen

Zwischen Gedenken und Spektakel: Die Opfer des Utøya-Anschlags gehen bei Falken viral

Am 22. Juli postete der Bundesverband auf Facebook ein Video anlässlich des 9. Jahrestags des Anschlags von Utøya und Oslo. Dass darin die eigenen Gefühle und die Namen der Opfer die zentrale Rolle spielen, erscheint mir jedoch aus mehreren Gründen kritikwürdig. Im Video lesen viele verschiedene Genoss*innen jeweils einen Namen sowie das Alter der 77 Getöteten vor, ergänzt um eine politische Erklärung zu Beginn und am Ende des Videos. Im ersten Teil dieser Erklärungen heißt es unter anderem, dass wir unserer Trauer und unserer Wut Raum geben wollen, dass wir keine*n der Ermordeten vergessen und in ihrem Andenken unseren Kampf für eine befreite Gesellschaft fortsetzen. Am Ende geht es unter anderem darum, dass wir in Gedanken bei ihren Freund*innen, bei ihren Angehörigen und bei den Überlebenden sind und dass wir uns noch immer die Zeit nehmen müssen, das Geschehene zu verarbeiten.

Schon grundsätzlich bin ich etwas skeptisch, was die Echtheit der bekundeten Trauer angeht. Zunächst lassen mich die objektiven Umstände daran zweifeln. Denn erfahrungsgemäß verfolgt politische Interessen, wer im politischen Kontext öffentlich und gerade nicht nur im Familien- und Freundeskreis Gefühle äußert. Auch wenn Trauer natürlich auch zu konkreten Anlässen auftauchen kann, finde ich es doch auffällig, dass diese jedes Jahr pünktlich zum Jahrestag des Anschlags bekundet wird, während das restliche Jahr über nicht die Rede davon ist. Abgesehen von 2015 reichte sie auch stets nur für ein paar Zeilen auf Facebook. Dass dieses Jahr ein aufwändiges Video produziert wurde, liegt wohl nicht daran, dass jetzt die Trauer größer ist als früher, sondern eher daran, dass nächstes Jahr Gedenkveranstaltungen zum Thema Utøya stattfinden sollen, für die Werbung gemacht werden soll.

Darüber hinaus fühle ich mich auch subjektiv nicht in erster Linie traurig, weil ich die ermordeten jungen Menschen persönlich gar nicht kenne. Ich habe Mitleid mit den Familien und Freund*innen der Getöteten, wenn ich mich, soweit es geht, in sie hineinversetze und versuche, mir vorstellen, wie schlecht es ihnen gegangen sein muss und vielleicht immer noch geht. Ich bin wütend, wenn ich mich mit dem Täter beschäftige und seine menschenverachtenden Aussagen höre. Und ich bin betroffen, wenn ich mir vorstelle, dass es mich oder meine Freund*innen und Bekannten von den Falken, den Jusos oder andere Linke treffen könnte. Mein Punkt ist: es fällt mir schwer, mir vorzustellen, um die Getöteten als Individuen zu trauern. Genau das ist jedoch der Ansatz des Videos.

Allerdings hat es mich traurig gemacht, mir die emotional vorgetragenen Namen sowie das Alter der Ermordeten anzuhören. Ich würde sagen, das liegt daran, dass das Video genau darauf angelegt ist: Trauer und Emotionalität hervorzurufen, obwohl es vorgeblich der vorher schon vorhandenen Trauer bloß Ausdruck verleihen soll. Auch deswegen denke ich, dass das Video in erster Linie ein Werbevideo für die Utøya-Fahrt und im weiteren Sinne für die politischen Ansichten der Falken ist. Genau wie in jeder anderen Werbung werden Emotionen erzeugt und diese dann mit dem eigenen Produkt verknüpft. Das zeigt sich meiner Meinung nach auch daran, dass man nur wenige Worte im Video austauschen müsste, um die Namen der Ermordeten nicht mit der Politik der Falken und der Utøya-Fahrt zu verknüpfen, sondern beispielsweise mit der Forderung nach schärferen respektive lockereren Waffengesetzen oder nach mehr Polizei und stärkerer Überwachung der Bürger*innen. Oder noch abgeschmackter: es würde genauso gut funktionieren, mit den Namen der Getöteten Werbung für Waffenhersteller zu machen, weil sich die Jugendlichen mit ihren Produkten ja hätten verteidigen können. Denn das Video tut nur so, als würde aus dem Tod der jungen Menschen unmittelbar die Legitimation für Sozialismus und Linksradikalismus folgen. In Wahrheit folgt aus Namen, Alter und Anzahl der Ermordeten an sich aber natürlich keine einzige politische Maxime. Unsere Überzeugung, dass die kapitalistische Gesellschaft Rechtsradikalismus und die aus ihm folgenden Mordtaten immer wieder hervorbringen wird, ergibt sich nicht unmittelbar aus dem Mord, sondern aus der rationalen Reflexion der Tat und dem Nachdenken über die Gesellschaft, in der dieser Mord geschah. Eine solche Reflexion kann ein Ansatz, der die Opfer als Individuen in den Mittelpunkt rückt nicht nur nicht, sondern bewirkt sogar eher das Gegenteil, indem es vor allem Emotionen hervorruft. Daher kommt das Video radikal daher, ist es in meinen Augen aber in Wahrheit nicht – was sich daran zeigt, dass sogar der Bundespräsident zum Anschlag in Hanau einen ganz ähnlichen Ansatz verfolgen kann, um für genau die Demokratie Werbung zu machen, die den rechten Terror hervorbringt.

Und sogar noch mehr: dieser Unmittelbarkeitsgedanke führt dazu, dass die getöteten jungen Menschen mit ihrem Namen, also als Individuen, für die eigene Politik eingespannt werden. Verfolgen Nazis die Strategie, die Namen von Opfern für ihre Politik zu gebrauchen, wird das von Links sehr deutlich verurteilt und die angebliche Trauer der Nazis klar als politische Propaganda benannt. Beispielhaft dafür ist der Fall des im August 2018 in Chemnitz getöteten Daniel H., nach dessen Tod es zu den vieldiskutierten Hetzjagden kam. Die Nazis erklärten ihn zum aufrechten Deutschen, der Frauen gegen Geflüchtete verteidigt und stellten Kerzen, Grablichter, Trauerkarten und Blumen an den Tatort, während Linke und Bürgerliche darauf hinweisen, dass Daniel H. “gegen Hass” und “gegen jeden Fanatismus” war und die Trauer von rechts in Wahrheit Instrumentalisierung. Natürlich ist das bei den Opfern des Anschlags von Utøya damit nicht gleichzusetzen. Schließlich ist die AUF, der Jugendverband der norwegischen Sozialdemokraten, deren Camp angegriffen wurde, ja eine linke Organisation und die Getöteten waren linke Jugendliche und junge Erwachsene. Aber Linke sind ja auch kein homogener Block und ich würde mit meinem Namen nicht gerne in einem Facebook-Post wie dem des Bundespräsidenten vorkommen. 

Jetzt könnte man einwenden, dass zu Beginn des Videos ja heißt, dass die Namen nicht etwa genannt werden, um Emotionen zu erzeugen, sondern weil „die Mitte der Gesellschaft“ von Terroranschlägen wie dem von Utøya „nichts wissen will“ und die Opfer vergisst, weswegen wir ihre Namen nennen müssen, um gegen das Vergessen anzukämpfen. Abgesehen von der Floskel „kämpfen“, die jedem politischen Ziel sofort den Anstrich von Radikalität geben soll, beruht die Aussage allein auf dem typisch linksradikalen rhetorischen Trick, „der Mitte“ alles Mögliche anzulasten, weil dann jede andere Handlung ohne jede Begründung oder Nutzen allein durch ihren (angeblichen) Gegensatz zur Mitte schon widerständig und damit gut ist. Aber ist es nicht eher so, dass es der bürgerlichen Politik und ihrer Art mit Anschlägen wie dem von Utøya umzugehen, sogar ganz gelegen kommen könnte, die Namen in den Mittelpunkt zu stellen, eben weil diese an sich überhaupt keine politische Maxime legitimieren?

Jan Schneider, LV Thüringen

AG Gedenken

Im Rahmen des Projektes „Lernen und Gedenken an den Rechten Terror“ werden momentan durch eine AG des Bundesvorstands verschiedene Methoden, Texte und Formate erarbeitet, die der Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex dienen sollen. Dazu gehört auch das Video, das Jan in seinen Artikel kritisch bespricht. Ihr findet es auf unserem YouTube-Kanal. In der folgenden Ausgabe wird Steffen auf Jans Kritik antworten.

Hintergrund

Bundespräsident Steinmeier hat rund sieben Monate nach dem Anschlag in Hanau, Angehörige der Opfer in Schloss Bellevue empfangen. Er sagte: „Wir erinnern uns an neun Menschen, neun junge Leben. Sie alle hatten eines gemeinsam: Sie verstanden sich als Hanauer – ganz egal, woher sie oder ihre Familien einmal gekommen waren, woran sie glaubten, woran sie Freude hatten.“ Der Bundespräsident betonte: „Wer Menschen aufgrund irgendwelcher Merkmale in Gruppen zwingt und abwertet; wer sie auf ihre Herkunft, ihren Glauben, ihr Geschlecht oder ihre Lebensanschauung reduziert; wer ihnen ihre Einzigartigkeit nimmt, der stellt sich gegen das Lebensprinzip unserer Demokratie. Die Würde des Menschen, jedes einzelnen Menschen, ist unantastbar. Sie steht unter dem Schutz unseres Grundgesetzes.“

Was motiviert rechte Täter*innen? Ein Überblick über die Grundlagen des rechten Terrorismus

Christchurch. Halle. Utøya. Dies sind Ortsnamen, die wie viele weitere für uns heute mit rechten Morden verbunden sind. In ihrer konkreten Unterschiedlichkeit sind diese Taten durch die ihnen zugrundeliegenden Ideologien miteinander verbunden. Die Täter der oben genannten Ereignisse kommunizierten ihre Motivation vor, während und nach den Taten sowohl in einschlägigen Online-Foren, in Schriftform und den anschließenden Gerichtsprozessen und ganz offensichtlich durch die Wahl ihrer Opfer. Der Attentäter von Christchurch ermordete gezielt die Besucher*innen von zwei Moscheen, der Mörder in Halle versuchte zunächst eine Synagoge zu stürmen und auf Utøya wurde bewusst ein Zeltlager der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokratie angegriffen, die für Zuwanderung und die Emanzipation von Frauen und queeren Menschen verantwortlich gemacht wurden.

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Ausgabe 3/2020: Gegen Rechten Terror

Liebe Leser*innen,

immer länger wird die Liste der rechter Anschläge und Morde, an die es zu Erinnern und Gedenken gilt. Welche Praxen dabei die “richtigen” sind, darüber herrscht auch bei den Falken keine Einigkeit. Dies resultiert aus Ohnmacht und Wut über das Geschehene und wird zusätzlich befeuert von der gesellschaftlichen Ignoranz gegenüber der Kontinuität rechter Gewalt. Außerdem haben wir schlichtweg verschiedene politische Ansprüche. In dieser Ausgabe der AJ haben wir kontroverse Perspektiven zusammengetragen, die widersprechen, reflektieren, analysieren, kritisieren und appellieren – persönlich und mit Blick auf den Verband. 

Wir wünschen euch, ein letztes Mal für 2020, eine spannende Lektüre!

Eure Redaktion 

Hier findet ihr nach und nach alle Artikel der Ausgabe zum online lesen!

Die Lieblingspodcasts der Redaktion

Dissens

Kritisieren was mies ist – und was sich ändern muss. Dieses Motto hat sich Lukas Ondreka für seinen Gesprächs-Podcast Dissens gesetzt. Einmal wöchentlich erscheint eine neue Folge und in jeder davon hat Lukas sich eine*n spannende*n Interviewpartner*in gesucht. Alle davon haben in einer sehr breiten Definition mit der linken Szene zu tun. Er interviewt linke Forscher*innen, Aktivist*innen, Journalist*innen, Politiker*innen und Autor*innen. Das Spektrum reicht von Klimaschutz und der Frage, ob „grüner“ Konsum möglich ist, über emanzipatorische Identitätspolitik und Rechte in der Polizei bis zur Prostitution – alles Themen, die uns als linke und überhaupt politische Menschen beschäftigen. Gäste waren zum Beispiel Yanis Varoufakis, Gründer der pro-europäischen Partei Diem 21, die umstrittene queerfeministische Journalistin Hengameh Yaghoobifarah oder Kapitänin Pia Klemp, die über die Repressalien der Seenotrettung berichtet. Ondreka geht kritisch, aber immer wertschätzend mit seinen Gästen um und bleibt dabei kurzweilig, klar und immer spannend. 

Miriam Bömer, KV Bremen

Linksaußen

Passend zur Ausgabe beschäftigt sich dieser Podcast nicht nur mit linksradikalen Perspektiven, sondern auch mit Fußball (und Eishockey). Primär geht es hier aber nicht um Ergebnisse und Spieltage, sondern vielmehr um Fankultur, Fanszenen und antikapitalistische Sichtweisen auf einen kapitalisierten Sport. Aber auch als Nicht-Fußballfan lohnt sich dieser Podcast vom linken Journalisten und Aktivisten Sören Kohlhuber: Es geht auch um Antifaschismus, Polizeikritik und Einblicke aus mehreren Jahren Demo-Fotografie und Aktivismus. Meistens gibt es ein*e Interviewpartner*in aus der linken oder linksradikalen Szene und Kohlhuber und Gast beschäftigen sich mit Themen, die gerade wichtig sind: Memekultur, feministischer Rap, aber auch antifaschistische Arbeit in der Schweiz oder Österreich. Diese Gäste sind dabei keine Szenegrößen, sondern Personen, die regional gute Arbeit leisten und bisher eher unbekannt sind. Besonders spannend sind die Einblicke in Polizeiarbeit. So erfährt man, wie eine Hausdurchsuchung abläuft und wie man sich dabei verhält, wie und wann Wasserwerfer eingesetzt werden und wie Hundertschaften aufgebaut sind. Jede Folge endet mit einer Lesung aus einem seiner Bücher – am besten also abends zum Einschlafen hören!

Miriam Bömer, KV Bremen

TripleClick

Drei ehemalige Redakteur*innen des US-amerikanischen Gaming-Magazins Kotaku (Maddie Myers, Kirk Hamilton, Jason Schreier) haben zu Beginn der Corona-Epidemie mit ihrem eigenen Gaming-Podcast angefangen. Deshalb beziehen sich gerade die ersten Folgen auch viel auf Videospiele in der Pandemie und man kann verfolgen, wie sich die Struktur des Podcasts langsam herausbildet. Es gibt immer ein großes Hauptthema, wie “Was ist intuitives Spielewissen?”, “Polizist*innen in Games” oder auch “XBox vs. PlayStation”. Ansonsten reden die drei über aktuelle Ereignisse im Gaming und allem was damit zusammenhängt, politische Ereignisse und schweifen gerne mal vollkommen ab. Zu hören ist der Podcast über die üblichen Streamingdienste. Wenn man will, kann man dem Netzwerk, über das sich der Podcast finanziert, auch Geld spenden und bekommt dann eine zusätzliche Folge im Monat. Mir persönlich reichen die kostenlosen Folgen vollkommen aus. Der Podcast ist auf Englisch, man kommt aber ganz gut rein und lernt nebenbei noch neue Redewendungen.

Steffen Göths, LV Brandenburg

In eigener Sache: Ein neues Konzept für die AJ – Austauschende Jugend

Seit inzwischen fast einem Jahr diskutieren wir in der Redaktion immer wieder, was wir mit der AJ eigentlich wollen und wie sie ausgerichtet sein soll. Auf unserer letzten Redaktionskonferenz haben diese Diskussionen nun einen vorläufigen Abschluss gefunden, deren Ergebnisse wir euch kurz vorstellen wollen. 

Bisher lief die Arbeit der Redaktion kurz zusammengefasst so ab: Wir überlegen uns ein Schwerpunkt-Thema und bitten euch über die Zeitung selbst, per Facebook und über persönliche Kontakte um eure Artikel. Was dann so eintrudelt, wird von uns Korrektur gelesen, von den Autor*innen überarbeitet und dann abgedruckt. 

Daran sehen wir mehrere Probleme: 

1. Von den Aufrufen fühlen sich vor allem die Leute angesprochen, die ohnehin gerne Artikel schreiben. 

2. Wir sprechen vor allem die Personen an, die wir kennen oder die schon etwas für die AJ geschrieben haben. 

3. Es schreiben häufig Leute, die anderen gerne etwas erklären. 

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Wieso werden die deutschen Polizeigesetze verschärft? Mit Agnoli staatskritisch betrachtet, sind Demokratie und zunehmender Autoritarismus kein Widerspruch

Während der letzten Jahre wurden in Deutschland neue Polizeigesetze verabschiedet, die unter anderem Videoüberwachung im öffentlichen Raum, die Ausweitung des Polizeigewahrsams und die Verwendung von Waffen wie Handgranaten und Maschinengewehren für die Polizei vereinfachen. Seit Oktober letzten Jahres gilt außerdem die “Besondere Gebührenverordnung des Bundesinnenministeriums”, die es möglich macht, dass Opfer polizeilicher Repressalien noch selbst für diese bezahlen müssen. Wie die taz berichtete, kann eine Identitätsfeststellung 53,75 Euro kosten, eine Anordnung zur Gewahrsamnahme 74,15 Euro, eine viertelstündige Fahrt auf die Wache 15,69 Euro – es kann also auch bei kleinen Vergehen und politischen Protesten schnell teuer werden. Wer sich gegen die Zumutungen dieser Welt wehren will, steht einer Staatsmacht gegenüber, die gründlich mit neuen Waffen und Befugnissen ausgestattet ist und diese auch gegen ihre Feinde einsetzt.